Die vorteilhafte Meinung, die Sie von mir gefasst, hat ungemein viel Schmeichelhaftes für mich, und Ihre Wahl macht mir Ehre. Wie glücklich wäre ich, wenn mich meine Verdienste dazu berechtigten; ihr Beifall macht meinen einzigen Wert aus, und ich würde stolz darauf, wenn ich nicht von meiner eigenen Überzeugung gedemütigt würde. Eins bitte ich Sie, lassen Sie meine Trauer ungestört zu Ende gehen, ehe ich an vergnügte Tage gedenke. Ich rechne mir es zur Pflicht, gegen meinen Vater auch im Tode die Ehrfurcht nicht zu mindern, die ich ihm im Leben schuldig war, und ich kann die Trauer meines Herzens ebensowenig verkürzen, als es der Wohlstand erlaubt, die Farbe der Kleider zu verändern. Erlauben Sie mir immer, eine Freude, zu welcher der Verstorbene mir großenteils selbst geholfen, so lange auszusetzen, bis die Zeit meinen Schmerz besieget und mir gestatten, dieselbe mit der Traurigkeit über meinen Verlust zu verwechseln. Es ist dieser Aufschub das geringste Opfer, das ich dem Andenken meines Vaters schuldig bin. Ihr Bild wird mir sehr angenehm sein; ich werde mich oft mit demselben unterhalten und ihm alles klagen, was ich dem Originale nicht sagen kann. Jetzt bin ich zum Denken, Reden und Schreiben ungeschickt, aber auch in diesem fast leblosen Zustande dennoch Ihre ergebenste

Kulmus

 

Louise Adelgunde Kulmus an Johann Christoph Gottscheid

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