Das Weib an den Geliebten

„Du liebster unter allen Lieben! Wäre ich erfüllt vom Geiste des Maro und strömte aus mir die Redekunst des Cicero oder eines anderen großen Redners, oder etwa eines rühmlichen Reimers, ich müsste mich doch zu schwach bekennen, deiner schön gefeilten Rede ebenso zu antworten. Lache mich darum nicht aus, wenn ich für meinen Theil etwas vorbringe, weniger zierlich als ich möchte. Du fühlst doch innig mit mir, was ich in meinem Gemüt trage. Es ist guten Sinn eigen, Vertraulichkeit mit Gleichgesinnten zu begehren, und mir liegt am Herzen, deinen Vorschriften bei allem Wollen zu gehorchen und darum wollte ich durch gegenwärtiges Schreiben deinem süßen Briefe doch mit einer Antwort entgegnen, wenn sie ihm auch ungleich ist. Immer war Anfang, Mitte und Ende unserer Unterredung die Freundschaft. Da ist es in der Ordnung, dass ich von der wahren Freundschaft, dem besten, fröhlichsten und lieblichsten aller Dinge spreche. Wahre Freundschaft ist nach dem Zeugnis des Tullius Cicero Einklang in allen Göttlichen und Menschlichen mit Herzlichkeit und zugeneigtem Sinn. Sie ist auch, wie ich von dir gelernt habe, das trefflichste aller Dinge auf Erden und besser als alle anderen Tugenden; denn sie gesellt, was getrennt war, sie bewahrt, was sie gesellt, und was sie bewahrt, hebt sie höher und höher. Nichts ist wahrer als diese Beschreibung oder Erklärung, wer sich danach richtet, der hat einen Grund von fester Bewährung.

Für sie wollen wir leben, denn durch sie wird fester unser Streben,
Sie ist ein mächtig Ding, tröstet vornehm und gering;
Sie richtet auf die Wankenden und erquickt die Krankenden,
Sie lässt nicht das Unrecht üben, und fordert frei zu lieben,
Und kurz zu werden, sie ordnet jedes ohn’ Beschwerden.
Sie waltet mächtig und regiert prächtig.

Doch um davon abzukommen, ohne davon zu lassen, an dich richte ich meine Zeilen, an dich, den ich in meiner Herzenskammer eingeschlossen trage, der jedes menschenmöglichen Looses würdig. Denn von dem Tage, wo ich dich zuerst sah, fing ich an, dich zu lieben. Du bist kühn in die Tiefen meines Herzens eingedrungen, dort hast du dir, wunderbar zu sagen, durch den Reiz deines lieblichen Gespräches einen Sitz bereitet, und daß er nicht bei einem Anstoß umgeworfen werde, hast du durch die Rede deiner Briefe dir einen Schemel, ja einen Thron fest gegründet. So ist es gekommen, daß dich aus meinem Gedächtnis kein Vergessen tilgen kann, keine Dämmerung verhüllen und kein starkes Stürmen von Wind und Wetter aufstören. Doch wie kann man von Beständigkeit reden, wo immer neue Dinge aufeinander folgen? Ich würde es wohl für ein wahres Sein halten, wenn ich immer in deiner Nähe sein könnte; aber da mir solches Sein versagt ist, wird alles Sein, das mich umgibt, von mir für unwahr erachtet. Mache du also, daß ich mein Sein für wahr zu halten vermag, und das ist nicht anders möglich, als wenn etwas von dir mit mir ist.

Auch der Glaube wird die Königin aller Tugenden genannt, und das bezeugt nicht nur die heilige Schrift, auch die unverwerfliche Lehre weltlicher Lehrer. Diesen Glauben willst du und ich will ihn, du suchst ihn bei mir, ich wieder bei dir, ihn hefte ich durch Wort und That eifrig in dein Herz; scheidest du dich von ihm, so sinkst du zum Abgrund; lösest du dich von ihm, so fährst du niederwärts vom Pfade der Tugend. Vermählst du dich ihm, so leuchtest du wie ein Sonnenstrahl; dienst du ihm, so eroberst du die Burg der Tugenden; folgst du ihm, erwirbst du ein seliges Leben; hälst du ihn fest, so fassest du den Anker deiner Hoffnung. Warum? Er bindet in Hoffnung, er vereint in Liebe; durch seine Fesseln sind wir zusammengestellt; daß wir ihn fühlen, darum wünschten wir uns Glück, was soll ich mehr sagen? Alles Gute gewinnt, was durch Gott in Treue brinnt.
Du alleine bist mir aus Tausenden erlesen, du alleine bist in das Heiligtum meines Geistes aufgenommen, du alleine bist mir Genüge statt allem, wenn du dich nämlich von meiner Liebe, wie ich hoffe, nimmer abwendest. Wie du getan hast, habe ich auch gethan, aller Lust habe ich aus Liebe zu dir entsagt, an dir alleine hange ich, auf dich habe ich alle meine Hoffnung und mein Vertrauen gesetzt.
Ferner wenn du mir rätest, ich soll mich vor den Rittern wie vor gewissen Ungetümen hüten, so hast du Recht. Auch ich weiß, wie ich mich wahre, damit ich nicht sinke auf die Bahre. Aber ohne die Treue gegen dich zu verletzen, verschmähe ich sie nicht ganz, wenn ich nur nicht dem Fehler unterliege, den du ihnen Schuld gibst. Denn sie sind es doch, durch welche die Vorschriften höfischer Sitte geübt werden, sie sind Quelle und Ursprung aller Ehre. Soviel über die Herrn, bleiben sie unserer Minne fern.

Meines Verlöbnisses eingedenk, habe ich dich immer und überall in Gedanken, denn dadurch wird die Glorie meines Hauptes völlig und mein Ruhm erneut. Beständigkeit des Geistes und der Treue bewahre ich dir allein, weil ich dadurch Gold und Silber der Seele, das ist Anmut, mir erwerbe, die ich höher zu schätzen habe als Gold uns Silber.

Was dir am wertesten sein mag,
Daran hange ich und das für alle Zeit verlange ich,
Dabei zu beharren in Stetigkeit, befiehlt mir mein Sinn in Wahrhaftigkeit.
Ich bin sicher dir, niemand folgt in mir
Jetzt und jemals dir von allen, du allein sollst mir gefallen.
Ich hätte mehr gesendet, doch tuts nicht not, drum sei geendet.

Du bist min, ich bin din,
Des solt du gewiss in.
Du bist beschlossen
In minem Herzen,
Verloren ist das slüzzelin,
Du muost och immer dar inne sin“

 

Der Mann an die Geliebte

„ Sehr eifrig hab ich dein vertrauliches Schreiben durchlesen, habe mich an deinem vielfältigen Lob der Treue und der Freundschaft ergötzt, und wie die Aue, wenn der Winter vergangen ist, durch die Blüte deiner Lieblichkeit verjüngt. Wenn alle Glieder meines Leibes in Zungen verwandelt würden, vermöchte ich so großem Lob nicht zu antworten, und wenn ich ganz wie ein löcheriger Schwamm würde, könnte ich soviel Herrlichkeit nicht in mich aufsaugen. Aber du hast, nach dem Bilde des Horaz, an das Menschenhaupt einen Pferdehals gefügt und der schöne Frauenleib läuft unten in einen hässlichen Fisch aus. Denn du hast eine sehr seltsame Chimäre mir vor Augen gestellt und hast aus einem Quell zugleich süßes und bitteres Wasser gegossen. Meines Herzens Aue durch dich getränkt, fing an Blumen und Früchte der Treue und Freundschaft zu gewinnen, da strömte plötzlich die salzige Flut herüber und dörrte ihre holde Anmut.

Denn du hast die Zweige deiner Worte, die zierlich mit Blättern geschmückten, nach mir ausgestreckt und mein Herz angezogen; aber du hast mich wieder zurückgestoßen, daß ich keine Frucht deines Baumes zum Kosten pflücken kann.“

 

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