Vor dem 21. April 1793
Wenn ich Dich mit unsern lieben Kindern eine halbe Stunde nur sehen könnte, dafür gäbe ich alles, was ich nur, ohne daß es Euch abginge, geben könnte! Wie unendlich lieb ich Dich, meine liebe Frau, habe, weiß ich erst jetzt, wo mir dein Traurig-sein immer vor Augen ist. Wenn ich nur einmal wieder bei Euch sein könnte, dann wollte ich alles wohl ertragen, dünkt mich. Wenn ich nur jetzt erst wüßte, daß Du und die Kinder gesund wären so könnte ich doch ohne Furcht und ohne fatale Vorstellungen an Euch denken…
Lebe ja für mich und für Deine Kinder und überlaß Dich nicht dem Harm und der Traurigkeit, tue dies aus Liebe zu uns! Ich habe einen Brief an beide Kinder mit eingelegt; daß Wilhelm auch an mich schreibt, und daß Julchen mir eine Blume zeichnet. Ich bin Dein Dich innigst liebender Mann.

Menin, den 4. April 1794
Ich kann diesen Brief nicht wegschicken, ohne Dir noch zu sagen, Gott, ich weiß nicht was! – Oft ist mein Herz so verwundert über dein Leiden, oft quäle ich mich über das, was ich Dir etwa geschrieben, über das, was Du mir geschrieben. – O meine liebe Kläre, nimm doch meine innige, meine treue Liebe an. – Handle ich nicht, schreibe ich nicht, wie es die herzlichste, innigste Liebe erfordert, so ist dies nicht Mangel derselben, so fehlt es in der Äußerung und in der Annehmung derselben. Kein Mensch kann oft mit ängstlicher Sehnsucht so wie ich gequält werden; wäre ich nicht mit inbrünstiger Liebe an Dir, an unseren Kindern geheftet, wäre sonst etwas auf der Welt, was mich interessierte, wo würde ich ja nicht so ängstlich, so unruhig bei allem sein. – Laß uns gut sein, ein Geist sein, laß uns durch unser Schicksal uns nicht in unserm innigen Verhältnis, in unserer Liebe etwas stören! Mit was vor einem Geist und Empfindung ich das geschrieben, siehst Du an dem Papier. Adieu, liebe, beste Frau! adieu!

Scharnhorst an seine Frau

 

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